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Vom Biertrinker zum Weinsnob in 5 einfachen Schritte

Geschrieben von
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17/01/2017

»Schatzi, denkst du dran, dich fertig zu machen? Wir müssen gleich zur Weinprobe!« »Weinprobe? Was denn für eine Weinprobe, um Himmelswillen?« »Schatzi... das weißt du genau! Du hast es versprochen!«

Stimmt. Sie hat recht. Sie hat mit dir diesen Deal gemacht. Du musstest nicht zu diesem bescheuerten Hausmusik-Abend bei ihrer besten Freundin (»Wiederentdeckungen für Gambe und Krummhorn«), dafür hast du versprochen, mit ihr zu dieser bescheuerten Weinprobe im Weinhaus Steif & Snobbich zu gehen, aus der Nummer kommst du nicht mehr raus. »Und zieh dir noch was Anständiges an, mein Chef wird auch kommen. Der hat Ahnung von Wein!« Und du kannst als eingefleischter Biertrinker gerademal Weißwein von Rotwein unterschieden und hältst »Rosé« für den Vornamen von Trainergott Mourinho. Na Bravo, das kann was geben... Unsinn! Das wird ein voller Erfolg. Mit unserem kleinen Kurs »Vom Biertrinker zum Weinsnob in fünf einfachen Schritten« räumst du auf der nächsten Weinprobe ab wie ein Weltmeister!

1. Dein Outfit

»Zieh dir was Anständiges an!«, hat sie gesagt. Das bedeutet, dass dein Lieblings-Jogginganzug im Schrank bleibt, auch wenn die Ballonseide in den Farben deines Lieblingsclubs so schön schillert. Zur Weinprobe erscheinen wir smart casual, was für dich bedeutet: zieh dich an, als hättest du einen Auftritt im ollen WDR-Computerclub. Genau, Hemd ohne Krawatte plus Strickjacke ist vollkommen okay. Du kannst auch kühn eine halbwegs saubere Jeans mit dem Jackett deines Konfirmationsanzugs kombinieren, oder dir beim Englisch-Lehrer aus deiner Skatrunde das Tweed-Sakko mit den Lederflicken an den Ellenbogen ausborgen. Jetzt noch eine Baskenmütze... Nein! Nicht aufsetzen! Zusammenknüllen und aus der Sakko-Tasche gucken lassen. Perfekt! Der Weinsnob balanciert auch modisch auf dem schmalen Grat zwischen Mainstream und Exzentrik.

2. Dein Auftritt

Geh an den Gläserschrank und nimm irgendein kleines Weinglas mit, wenn möglich ohne Verzierungen. Wenn es etwas angeschlagen ist, um so besser. Auf der Weinverkostung bittest du darum, die Weine aus diesem Glas verkosten zu dürfen. Sag »Robert (englisch aussprechen: Robbööört!) hat es mir geschenkt. Bei der letzten Bordeaux-Probe. Er benutzt das andere. Wir sind alte Freunde, Sie verstehen...« »Oh, mein Gott, er ist mit Bordeaux-Papst Parker befreundet!« Schon jetzt, bevor der erste Schluck Wein verkostet wurde, durfte Unruhe unter den anwesenden Weinsnobs aufkommen: da macht ihnen jemand den Platzhirsch-Posten streitig.... Sollte tatsächlich der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass ein persönlicher Bekannter von Parker anwesend ist, kannst du immer noch auf einen unbekannten Weinfreund namens Robert Miller aus Hackensack, New Jersey, retirieren.

3. Erstmal nichts trinken.

Gut, du bist unfallfrei auf der Weinprobe angekommen und hast begonnen, dir einen Ruf als Weinkenner aufzubauen. Darauf könnte man doch jetzt ein Schlückchen... Nein! Stop! Getrunken wird erst Mal gar nichts. Auch wenn jetzt der erste Wein zur Probe ansteht und ein hilfreicher Geist ihn dir schon ins mitgebrachte Glas gegossen hat. Auf Weinproben wird der Wein erstmal genau angeguckt und beschnüffelt. Also Glas gegen das Licht halten, gucken, Blickwinkel ändern, nochmal gucken, Nase ins Glas hängen, ausgiebig schnüffeln, wieder gegen das Licht halten, schnüffeln, Gesicht schneiden... und zwar so lange, bis ein oder zwei andere Probenteilnehmer den Wein verkostet und kommentiert haben. Wenn das der Fall ist, weißt du bescheid und nimmst einen KLEINEN Schluck und... machst dabei ordentlich Krach. Ja, hier darfst du Schlürfen, was das Zeugs hält, hier musst du‘s sogar: es soll Sauerstoff an den Wein. Den kleinen Schluck lässt du mindestens zehn, zwanzig Sekunden im Mund kreisen, als würdest du drauf rumkauen, und dann... Gewissensfrage: Spucken oder schlucken? Weinprofis, die zig Weine am Tag verkosten, schlucken den verkosteten Wein nicht runter, um nicht irgendwann selig lächelnd in der Ecke zu liegen. Sie spucken ihn in einen der bei jeder Weinprobe bereitstehenden Spucknäpfe (Crachoir, gesprochen Kraschowah, genannt). Wenn du also auf Voll-Profi machen willst, dann spuck. Das solltest du aber zu Hause schon mal geübt haben. Nichts ist peinlicher als ein Wein-Profi, der den Crachoir verfehlt und/oder sich den Spätburgunder auf die Hemdenbrust sabbert.

4. Die Bewertung

So, jetzt hilft alles nichts mehr, du musst den Mund aufmachen und... nein, nicht noch mehr Wein reinschütten sondern etwas zum Wein sagen, den du gerade verkostet hast. Die einfachste Lösung ist: »Ich schließe mich meinen weinkundigen Vorrednern an. Ich finde auch, dass dieser Wein...« Und jetzt wiederholst du einfach, was die Jungs und Mädels vor dir gesagt haben, als du mit Gucken und Schnüffeln Zeit geschunden hast. Ist narrensicher, denn die haben ja Ahnung. Problem ist: Damit kommst du nur ein oder zweimal durch. Gut, zünden wir die zweite Stufe der Weinrakete. Wir decken die Weinverkoster mit Nebelwolken und Schwafelschwaden zu: »Nun, ich sag mal: Es gibt solche Pinots und solche Pinots. Und dazwischen spielt sich auch noch einiges ab. Den hier würde ich mittig einordnen.« »Typischer Wein aus NamedesAnbaugebietsvomEtikettablesen. Springt einen nicht direkt an, sollte aber Potenzial haben.« »Sicher kein Großer, aber klein ist er natürlich auch nicht. Die Wahrheit liegt wie meistens in der Mitte.« Wenn du dir schon genug Mut angetrunken hast, kannst du‘s mit Stufe 3 der Weinrakete probieren: Blablubb-Vergleiche aus der Weinsprache. Du musst dir nur merken: Weißweine sind entweder zitrisch oder mineralisch oder beides, Rotweine schmecken entweder nach Beeren oder nach Süßigkeiten oder nach beidem. Gewürze und Kräuter gehen immer. Wenn du Vergleiche wählst, die keiner nachvollziehen kann, bist du auf der sicheren Seite. Ab geht die Lucie! »Mineralisch, würde ich sagen. Kieselsteine, mit Anklängen an dalmatinische Salz-Zitronen. Vielleicht ein Hauch Melisse?« »Holunder, meiner Ansicht nach, vielleicht ein Hauch Karamell im Abgang. Schmecke ich da noch Provence? Lavendel? Oder doch Anis?«

5. Dein Abgang.

Super, du bist durch. Reiß dich zusammen und trink auf keinen Fall die Reste aus den rumstehenden Flaschen! Verabschiede dich freundlich von deinen Mitverkostern, und wenn einer fragt: »Kommst du noch mit, ich will jetzt ein Bier trinken...« ziehst du die Augenbrauen hoch und schüttelst entsetzt den Kopf? Um Himmelswillen, beinahe hättest du‘s auf den letzten Metern noch versaut! Natürlich gehst du mit. Nach einer Weinprobe gehen ALLE erstmal Bier trinken. Vielleicht sogar dein Kumpel Robert.

Mit welchen Tricks hast Du Dich zum Weinkenner gemogelt? Oder stehst Du bei Wein auf sicherem Fuß?

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