1. Startseite
  2. Magazine
  3. Restaurant-Tipps
  4. Abenteuersuche - authentisch chinesisch essen in Berlin?

Abenteuersuche - authentisch chinesisch essen in Berlin?

Geschrieben von
contributor
, Am 17/01/2017

„Heute wird nicht gekocht, heute gehen wir essen. Chinesisch!“

Mit asiatischer Küche kann ich bei der geduldigsten Gemahlin von allen immer punkten. 

„Prima! In Steglitz soll ein neuer Büffet-Chinese...“

„Büffet-Chinese! Ich werd nicht mehr. Am Ende noch mit Ente Kross und Sauerscha?“

„Sauerscha? Was soll das sein?“

„Das ist eine Sauerscharf-Suppe, die der Kellner schon auf den Tisch gestellt hat, bevor man das Wort fertig ausgesprochen hat. Nein, heute geht’s nicht in eine Chop-Suey-Hölle mit Büffet, heute wird authentisch chinesisch gegessen.“

„Authentisch chinesisch gibt’s nicht. In China gibt es viele Provinzen, wo ganz unterschiedlich gekocht wird. Sezchuan, Kanton...“

„Genau. Kantonesisch. Heute essen wir authentisch kantonesisch.“

„Du willst kantonesisch essen? Tausendjährige Eier mit Qualle?“

Woher kennt diese Frau sich mit authentischer kantonesischer Küche aus?

„Genau. Das wollte ich schon lange mal probieren, das bestell ich!“

Wird schon nicht auf der Speisekarte stehen. Wir machten uns auf den Weg ins Good Friends, wo man neben einer normalen „Chinarestaurant-Karte“ auch eine Karte mit authentischer kantonesischer Hausmannskost anbietet. Und die wollte ich bestellen, rauf und runter, die ganze Palette, endlich mal herausfinden, was authentische Kanton-Küche ist.

Als wir das Lokal betraten, fühlten wir uns auch sofort wie Touristen im fernen China: Hier trifft sich tatsächlich die chinesische Gemeinde Berlins, hier ist man als Langnase in der Minderheit. 

Voller Vorfreude nahmen wir Platz und orderten die Getränke, wobei die geduldigste Gemahlin von allen den Authentizitätsvogel abschoss und sich einen Kanne Grünen Tee bestellte. Ich beschloss, mich an die Köstlichkeiten Kantons mit einem Weizenbier heranzutasten und begann, die Karte zu studieren.

„Schau mal, sie haben tatsächlich „Tausendjährige Eier mit Qualle“ auf der Karte...“

„Oh. Oh, oh. Da fällt mir ein, ich war letzte Woche beim Arzt, er hat mir geraten, vorläufig auf Qualle zu verzichten, bis meine Werte wieder im Dingens...“

Aber was statt der vermaledeiten Qualle bestellen? Auch die authentische Kanton-Karte im „Good Friends“ hat über 200 Positionen, und als kompletter Laie hätte ich stundenlang zwischen „Tofu mit Meeresfrüchten, Schweinefleisch, Rinderpansen und Gemüse“, „Seegurken mit Fischbauch und chinesischen Pilzen“ oder „Gebratener Fischkopf mit Tofu im Topf“ schwanken können, ohne mich zu entscheiden. Und blind irgendwas bestellen, was dann für den mitteleuropäischen Gaumen gänzlich unverträglich ist? 

Nee, hier musste ein Experte helfen, also winkte ich den Kellner heran. „Wir sind beide komplett ahnungslos und überfordert, bitte, können Sie uns was empfehlen? Wir würden gern bei Vorspeise und Hauptgang authentische kantonesische Spezialitäten probieren.“

„Ja, gern. Was möchten Sie essen?“

Na, prima. Das wollte ich doch gerade von ihm wissen. Oder ist das so eine schräge chinesische Höflichkeitsmasche, will er vielleicht vermeiden, dass ich das Gesicht verliere, weil er mehr übers Essen weiß als ich? Egal, da müssen wir beide jetzt durch. 

„Wie gesagt, so zwei Vorspeisen...“

„Wan-Tan-Suppe. Oder Frühlingsrolle.“

Um Himmelswillen. Ich hatte doch „authentisch“ gesagt. Sprech ich vielleicht chinesisch? Äh, nein. Sicherlich nicht.

„Wir wollten eigentlich authentisch...“

„Frühlingsrolle ist authentisch. Und Wan-Tan-Suppe wie bei uns kriegen sie nirgends.“

„Na, gut! Dann nehmen wir einmal die Frühlingsrolle und einmal die Wan-Tan-Suppe. Aber zum Hauptgang...“

„Ich nehme eine Nudelsuppe mit Gemüse, zum Hauptgang.“

Gut, die geduldigste Gemahlin von allen bringt sich auf die sichere Seite.

„Tja, und ich hätte gern was authentisches, was können Sie mir empfehlen?“

„Wollen Sie Fleisch, Fisch oder Gemüse?“

So langsam kam ich mir vor wie bei Subway. Da kann auch nur Chuck Norris was bestellen, ohne eine Frage zu beantworten.

„Fisch, bitte.“

„Nehmen Sie frittierten Heilbutt in Schwarzer-Bohnen-Sauce.“

Guter Mann. Über 200 Gerichte zur Auswahl, und er empfiehlt eins. Einfach so. Ohne Angabe von Gründen. Langsam begriff ich, was der Kenner mit der „unergründlichen Weisheit des Orients“ meint. 

„Prima Idee, ich nehm dann, lassen Sie mich nachdenken... okay... ich nehm dann doch den frittierten Heilbutt!“

Er verschwand, und es verging eine angemessene Zeit, bis er mit den Vorspeisen zurückkehrte. Nix „Sauerscha“, im „Good Friends“ wird frisch gekocht!

Und gut. Sehr gut, sogar. Die schwach gewürzte Wan-Tan-Suppe offenbarte sanfte, aber sehr differenzierte Aromen, der Teig der Taschen und die Füllung offenbarten einen höchst angenehmen Kontrast in Geschmack und Textur, das war in der Tat ziemlich großes Tennis und hatte mit der üblichen Chinarestaurant-Wan-Tan-Suppe ungefähr soviel zu tun wie Bruce Lee mit einem Neuköllner Amateur-Boxer. 

Auch bei den Frühlingsrollen – die übrigens als „Fong-Wong-Rollen“ in der Karte und auf der Rechnung standen – hatte der Mann nicht übertrieben. Es kamen zwei eher große Rollen, knusprig ausgebacken und mit Krabben, Hühnerfleisch und (wenig) Gemüse gefüllt. Wieder fiel die sehr zurückhaltende, sanfte Würzung auf, wieder überzeugten die Unterschiede in der Konsistenz, der Kontrast zwischen weich (Krabben, Huhn), knackig (Gemüse) und knusprig (Teig). Die rote Sauce hingegen, die zu den Rollen gereicht wurde, überzeugte nun gar nicht. Bisschen süß, bisschen scharf, undefinierbar chemisch im Abgang. Auf meine interessierte Frage, was das denn für eine Sauce wäre, antwortete der Kellner kennerisch: „Ist Sauce!“

Braver Mann, hütet sorgsam die kantonesischen Küchengeheimnisse. Und bringt stattdessen die Hauptgerichte: vegetarische Nudelsuppe und den frittierten Heilbutt. Mit der Nudelsuppe können wir's kurz machen, hier wiederholte sich das Thema des Abends: zurückhaltende Würzung, interessantes Texturenspiel. Hier waren es die offensichtlich handgefertigten Nudeln, die mit einem körnig-kernigen Biss das Süppchen interessant machten.

Und der Heilbutt? Der war erstmal „optisch was fürs Auge“, wie der Berliner sagt, und küchentechnisch eine absolute Meisterleistung, die einem Drei-Sterne-Restaurant zur Ehre gereicht hätte: Die Haut des Fischs war wunderbar knusprig, der Fisch selber weich und saftig, der ließ sich mühelos mit dem Löffel zerteilen, ohne dass eine einzige Gräte auf meinem Teller gelandet wäre. Um das hinzukriegen, muss man wirklich kochen können, ich zog meinen Hut. 

Und setzte ihn wieder auf, als ich die Schwarze-Bohnen-Sauce kostete. Die schmeckte pfeilgerad nach garnix, die war nicht scharf, obwohl ich rote Chili (inkl. Kerne!) in der Sauce ausmachte, die schmeckte nicht nach Bohne, die war nicht süß, nicht salzig, die war aromafrei und fade. 

Nach drei Gabeln griff ich zur Soja-Sauce, um ein wenig Geschmack in mein Essen zu pimpen.

Ich habe keine Ahnung, ob der Saucenkoch einen schlechten Tag hatte oder ob der europäische Gaumen die Nuancen kantonesischer Würzung vielleicht nur nach einem Training in einem Shaolin-Kloster erfassen kann.

Meine Frage nach einem authentischen kantonesischen Nachtisch zauberte dann endlich ein Lächeln ins Gesicht unseres Kellners: „Nein, so etwas gibt es nicht!“, beschied er uns fröhlich, und so zahlten wir und gingen: durchaus angenehm gesättigt, aber nicht viel klüger, was die kantonesische Küche anbelangt. Und einen derart zugeknöpften Kellner hatten wir noch nie erlebt.

Zuhause schaute ich in ein paar Bewertungsportalen nach und stellte fest, dass schon einige europäische Gäste ähnliche Erlebnisse hatten.

Versteh ich nicht. Wir Berliner Langnasen gehen doch gern auf Abenteuersuche. Warum nehmen Sie einen im „Good Friends“ nicht an die Hand und gehen mit ihm auf Entdeckungsreise nach Kanton?

Email