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Essen Sie ein Berliner Schnitzel?!

Geschrieben von
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, Am 17/01/2017

"Ich nehme dann das Berliner Schnitzel, bitte."
"Sie wissen, was das ist?"
Natürlich weiß ich, was ein Berliner Schnitzel ist. Ich bin ja extra ins Restaurant "Alter Fritz" in der Karl-Liebknecht-Straße gegangen, um endlich mal ein Berliner Schnitzel zu kosten, das - lüften wir das Geheimnis - aus Kuheuter gemacht wird.

Kuheuter? Um Himmelswillen, das kann man doch gar nicht essen! - Natürlich kann man. Noch bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts standen Euter-Zubereitungen in sämtlichen Grundkochbüchern. Meist paniert und gebacken, aber auch gekocht oder in würzigem Sud geschmort, gehörte er nicht nur zum deutschen Küchenstandard: auch die Franzosen und Italiener kennen zahlreiche Zubereitungen für "Tétine" bzw. "Mamella".

Das hat mich hellhörig gemacht. Franzosen und Italiener wissen, was gut ist. Sollte sich hinter dem in Berlin in Vergessenheit geratenen Euter am Ende eine Delikatesse verbergen? Schließlich wird der Euter den Innereien zugerechnet, und aus Innereien auch dubioser Herkunft (z. B. Kutteln, also Rinderpansen) weiß der Könner ja absolute Delikatessen zuzubereiten. Könnte es sein, dass der Euter - dem Bries oder dem gebackenen Hirn nicht unähnlich - eine zu unrecht vergessene, verschmähte Delikatesse ist?

Ich begann zu googlen, wie man denn das Berliner Schnitzel zubereiten könne. Im Prinzip kein Problem: Euter kaufen, wässern, Putzen, vier bis sechs Stunden kochen, in Scheiben schneiden, panieren, fertig… im Prinzip kein Problem! 

Im Prinzip. Doch als ich den Fleischer meines Vertrauens nach Euter fragte, sah er mich an, als hätte ich ihn gerade gefragt, ob der Schweinenacken in seiner Auslage auch wirklich vegan sei. Er schüttelte den Kopf und verwies mich an den Tierfutter-Handel. Und dann dämmerte mir, dass ich, wenn ich wirklich einen Euter auftreiben sollte, nicht nur stundenlang mit dem Ding in der Küche rumfuhrwerken müsste, sondern auch bohrende Fragen meiner lieben Frau bezüglich der Abendessensplanung und meines Geisteszustands zu beantworten hätte … Nein, das wollte ich mir dann doch nicht zumuten. 

Schließlich gibt es tatsächlich noch einige wenige Restaurants in Berlin, die das "Berliner Schnitzel" auf der Karte haben, zu denen gehört das eingangs erwähnte "Alter Fritz", das den Berliner Klassiker mit Speckbohnen und Bratkartoffeln für 13,90 anbietet. Aber auch andere berlinische und brandenburgische Spezialitäten stehen hier auf dem Küchenprogramm, so dass ich meine liebe Frau, die meinen kulinarischen Entdeckungsdrang gelegentlich etwas absonderlich findet ("Du willst WAS essen?") zum Mitkommen überredete.

Und so machten wir's uns im bäuerlich ausgestatteten "Alten Fritz" gemütlich. Mir gelang es schließlich, den Kellner von meiner psychischen und physischen Eignung zum Verzehr panierten Euters zu überzeugen. Meine clevere Frau sparte sich derartige Umstände und orderte eine populärere Berliner Spezialität, das Eisbein.

Zum Eisbein passt ein Pilsner am Besten, und da ich nirgends im Netz eine Weinempfehlung für Euter finden konnte, bestellte ich auch eins. Kaum eine Bierlänge war vergangen, als unsere Bestellungen dann vor uns standen: das prächtige Eisbein und mein unschuldig daherkommendes Berliner Schnitzel.

Um Himmelswillen, es waren ja drei! Auf einem Berg Bohnen angerichtet, so dass die Bratkartoffeln im separaten Pfännchen gebracht wurden, sie hätten nicht mehr auf den Teller gepasst. Im "Alten Fritz" ist preußische Kargheit nicht angesagt, hier glaubt man an üppige Portionen.

Es war soweit. Ich schnitt mir ein Stück Schnitzel ab, kaute, kostete und… nun ja. Das Fleisch war sehr weich (kein Wunder, wenn's vor dem Braten stundenlang gekocht wird), und beinahe vollkommen aromafrei. Man schmeckte die Röststoffe der Panade und - bei ganz genauem Hinschmecken - einen vage adstringierenden, leicht milchigen Abgang. Mehr war nicht. Nach dem dritten, vierten Bissen war mir klar, warum dieses Fleisch in Berlin grundsätzlich paniert wurde: um wenichstens 'n bisschen Jeschmack in die laffen Lappen zu kriejen, Herrschaftszeiten!

An der Küche des "Alten Fritz" hat es sicher nicht gelegen. Meine Beilagen (Speckbohnen, Bratkartoffeln) waren frisch zubereitet und kräftig abgeschmeckt, und meine liebe Frau pries ihr Eisbein in den höchsten Tönen. In der Tat war es aromatisch und supersaftig, und die Beilagen (Kraut, Kartoffell- und Erbspüree) hatten ebenfalls keine Convenience-Tüte von innen gesehen. Lediglich ein merkwürdiger Klecks Sahne-Meerrettich sorgte für eine verwirrende Prise Exotik.

Zufrieden bestellten wir jeder ein zweites Bier, scheiterten einträchtig an den Portionsgrößen und verließen beschwingt das Lokal, nachdem wir die angenehm niedrige Rechnung bezahlt hatten. Und ich zog mein Fazit für das Berliner Schnitzel: Kann man durchaus essen, muss man aber nicht. Ist nicht irgendwie eklig oder übel, ist aber auch nicht so, dass ich mich auf die Straße oder ins Internet stelle und "Ihr müsst alle sofort Berliner Schnitzel essen!" brülle.

Ist meine Neugier auf Euter jetzt (Vorsicht, Wortwitz!) gestillt? Keinesfalls. Auch Kutteln schmecken ja nach fast nichts, bewähren sich aber immer wieder als Erzeuger hervorragender, aromatischer Saucen. Geschmort, in aromatischer Brühe und/oder Wein könnte man ihm eine zweite Chance geben. Gibt's da nicht im Süden unseres Landes eine Spezialität namens "Fränkische Schnickerli"? Ich google schon mal die Zugverbindungen in den Raum Nürnberg....

Die einen scheuen sich das Berliner Schnitzel zu probieren und die anderen trauen sich an die gerösteten Insekten…hm…jeder muss seine Grenzen selber erkennen. Man sollte sich dennoch was trauen, wenn es sich um das Essen handelt!

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