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Trinkgeld: Stimmt so! Oder nicht?

Geschrieben von
contributor
, Am
17/01/2017

Was mich verwundert: die Vehemenz der Reaktionen, wenn mal wieder das Thema Trinkgeld auf die Tagesordnung eines Blogs oder eines Forums gelangt. Ich verstehe nicht, warum eine Selbstverständlichkeit wie die kleine finanzielle Anerkennung für die Leistung des Service und evtl. der Küche (in vielen Restaurants wird das Trinkgeld geteilt) dermaßen ausdauernd und heftig diskutiert werden muss. Und welche Argumente an den Haaren herbeigezogen werden, um zu rechtfertigen, dass man selbst kein Trinkgeld geben mag. Deshalb hab ich mir die gängigsten Argumente der Trinkgeldverweigerer aus den einschlägigen Foren mal vorgenommen.

Das erste, erstaunlich häufig dargebotene Argument, nämlich, dass das Trinkgeld hierzulande im Preis von Speisen und Getränken enthalten sei, ist kein Argument, sondern ein unausrottbarer Irrglaube, der auf der Verwechslung von Trinkgeld mit Bedienungsgeld beruht. Das Bedienungsgeld, also das Gehalt der Menschen, die einen im Restaurant bedienen, ist in einigen Ländern nicht im Preis inbegriffen. Da MUSS man Trinkgeld geben, es sei denn, man möchte eine öffentliche Auseinandersetzung mit einem sehr, sehr wütenden Kellner führen. Hierzulande ist das Gehalt, dass der Wirt seinen Angestellten zahlt im Preis der Speisen und Getränke inbegriffen. Dieses Gehalt ist meist jedoch recht niedrig, da die Angestellten ja in der Regel ihr kleines Gehalt mit Trinkgeldern aufstocken können.

Womit wir beim nächsten Argument wären, mit dem Menschen die Verweigerung von Trinkgeld zu begründen versuchen: Wenn man Trinkgeld gibt, zementiert man eben diese viel zu geringen Löhne in der Gastronomie. Das Servicepersonal sollte sich lieber organisieren, einen Arbeitskampf führen und die Wirte so zwingen, höhere Löhne zu zahlen. Das ist natürlich eine unglaublich originelle Idee. Gerade im Service arbeitende Menschen, die nächsten Monat Miete, Versicherungen, Raten usw. zahlen müssen, werden für diesen Realistischen, einfach und schnell umzusetzenden Vorschlag von Herzen dankbar sein. Trotzdem kann er nicht so ganz überzeugen: Denn wenn unsere Service-Streiter Fahnen schwenkend demonstrieren gehen und so die Wirte schuwppdiewupp zwingen höhere Löhne zu zahlen, na, was werden diese Turbo-Kaiptalisten wohl machen? Natürlich, die höheren Löhne über höhere Preise an die Kunden weitergeben. Da wäre es doch eigentlich einfacher – und preiswerter – wenn man gleich ein vernünftiges Trinkgeld gäbe.

Aber wo wir uns gerade nach Absurdistan begeben haben, hier ist noch ein ganz herzallerliebster Einwand gegen die lästige Trinkgeldgeberei: Der Wirt mache es einem unnötig schwer, da er seine Preise Trinkgeld-unfreundlich kalkuliere. Wenn aber die Rechnung 19,80 Euro ausmache, dann wären 20 Cent Trinkgeld zu geizig, etwas über zwanzig Euro hinaus hinlegen zu umständlich: Soll der Wirt doch bitteschön seine Preise so ausrichten, dass das  Trinkgeld durch einfaches Aufrunden gegeben werden kann. Ja, um Himmelswillen, jetzt soll der Lohnsklaventreiber auch noch den Hellseher machen und genau vorhersagen, was z. B. ich und meine zwei Freunde nächste Woche beim Skat essen und trinken werden, damit die Differenz zum nächsthöheren Geldschein genau die Trinkgeldsumme ausmacht. 

Kommen wir auf den Punkt: Es gibt haargenau einen Grund, im Restaurant kein Trinkgeld zu geben: Wenn man unzufrieden war. Wenn das Ambiente ungepflegt, das Essen schlecht und der Service dreist war, dann geb ich auch kein Trinkgeld. Bloß: ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich zum letzten Mal kein Trinkgeld gegeben habe.

In den letzten Jahren hatten fast alle Kellner, von denen ich mich verabschiedet habe, ein zufriedenes Gesicht. Die gastronomischen Katastrophen, denen die Herrschaften in den einschlägigen Blogs und Foren offenbar pausenlos ausgesetzt sind, und die sie veranlassen, den Service trinkgeldlos zurückzulassen, sind mir komplett fremd.

Schließlich ist es – dem Internet mit seinen zahlreichen Restaurantführern und Bewertungsportalen sei Dank – durchaus einfach, qualitativ anrüchige Lokale gar nicht erst aufzusuchen. Sollte man doch mal in einem Laden gelandet sein, der einem merkwürdig vorkommt, erinnert man sich hoffentlich an einen hilfreichen Blog-Artikel, mit dessen Hilfe man schlechte Restaurants identifizieren und verlassen kann, bevor man Opfer von Küche und Service geworden ist.

Gut, auch ich bin nicht vor Küchen- oder Service-Unfällen gefeit, aber so schlimm, dass ich entrüstet das Trinkgeld behalten habe, ist es bei mir wirklich jahrelang nicht gewesen. 
Woran liegt‘s? Habe ich nur Glück gehabt? Bin ich zu schnell zufrieden? Wann habt ihr mal kein Trinkgeld gegeben und warum nicht?

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